Sprueche Zur Geburt Artikel
Da bin ich wieder nach drei langen Jahren Zum heimatlichen Herd zurückgekehrt! Ein Sturm ist übers Haupt mir hingefahren, Der tief mich aufgeschreckt, doch nicht verheert.
Ich will‘s vergessen, wenn ich kann — das Eine Vergess ich nicht: wie ich vor all der Qual Mit dir, o Mutter, hier beim Lampenscheine Im selben Zimmer saß — zum letzten Mal.
Wir wußten‘s wohl, wir sehen nie uns wieder,
Du sprachst es aus und weintest nicht dazu: —
Verschleiert siehst du dort vom Rahmen nieder
Auf meine Unruh, du, ein Geist der Ruh.
Indeß das Leben unsanft mich geschüttelt,
Wie eine Eiche hin und her gezaust,
Hat lang‘ an deinem morschen Leib gerüttelt
Der Tod mit unerbittlich grimmer Faust.
Noch einmal laßt euch schaun, ihr teuern Züge,
Dies Antlitz, das gebleicht so manche Qual,
Die offne Stirne, ohne Falsch und Lüge,
Dies Auge, licht und sanft wie Mondenstrahl.
Und die gefurchten, abgehärmten Wangen,
Den Mund, der wie aus fernen Welten grüßt,
Geschwellt, als wie von sehnendem Verlangen,
Als hätt‘ er gern noch einmal mich geküßt!
Hier war es, wenn die Abendstunden kamen,
Wo du mir, nicht ohne Tränen, sprachst;
O Mutter, weinend ruf‘ ich deinen Namen!
Du treues Herz, daß du so ferne brachst!
Von Qual zermalmt mußt‘ ich am Boden kleben
Du ahntest nichts von meiner Seelenpein.
Vom Tod genas ich, du genas‘st vom Leben
Ich lebe wieder — mutterseelallein.
Im Nachglanz deines Geistes will ich sterben;
Die Fackel liegt am Boden, doch die Glut
Sie brennt nach oben noch. Zu neuem Leben
Am Grab der Mutter hol‘ ich neuen Mut.
Autor: Ludwig Seeger (1810-1864)
Titel: An meine Mutter
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